Die Magie einer Lüge 

Der nördlichste Punkt Europas ist, wenn man Inseln mit dazuzählt, Kap Fligley auf der Rudolf Insel. Sollen Inseln außen vor bleiben, dann ist es Kinnarodden in Norwegen. Wie kommt denn nun das Nordkap ins Spiel, werden sich die meisten Leser nun fragen. Selbst wenn man großzügig behauptet, die Insel, auf der es liegt, ist so nah am Festland und außerdem über einen Tunnel erreichbar, dass es eigentlich zum Festland zählt, dann gibt es auf dieser Insel einen noch weiter nördlich gelegenen Punkt. Es wurde das Nordkap einfach ausgewählt, weil es auf so einer eindrucksvollen Klippe liegt und gut zu erreichen ist. Und die Lüge, dass diese Klippe der nördlichste Punkt unseres Kontinentes ist, hält sich seit vielen Jahrzehnten beharrlich.

Darum pilgern auch tausende von Touristen dorthin, so auch wir, denn unser Wanderweg der E1 beginnt genau dort, sehr wahrscheinlich aufgrund dieser Lüge. Der E1 zieht sich hinunter bis nach Sizilien, doch so weit werden wir ihm dieses Jahr nicht folgen. Und zunächst müssen wir überhaupt dort hin gelangen.

Noch sind wir in Alta. Nach einem reichhaltigen Frühstück ziehen wir los, um im Baumarkt nebenan Gaskartuschen zu kaufen. Nach langer Suche wollen wir schon aufgeben und auf 10 Uhr warten, denn dann öffnet das Sportgeschäft etwas weiter die Straße hinunter. Doch dann frage ich die Frau an der Kasse, die uns genau beschreibt, wo wir sie finden können.

Dann warten wir bis 11, checken aus, und begeben uns zur Haltestelle, die aber nicht so aussieht, denn hier wurde vor einigen Tagen die Straße erneuert. Es gibt noch keine Schilder, keine Unterstände, nichts, was auf einen zentralen Haltepunkt fast aller Busse in Alta hindeutet. Darum gehen wir zu dem Platz, an dem wir mit dem Bus vor 6 Jahren hier angekommen sind. Doch dort ist auch nichts, außer großen Pfützen. Ein Zettel, der provisorisch an einem Laternenpfahl befestigt wurde, weist auf genau die Stelle hin, wo wir vorhin waren. Also wieder zurück.

Pünktlich kommt der Bus an, wir legen unsere Rucksäcke in den Gepäckraum und steigen ein. Mit uns sitzen nur 2 weitere Passagiere im Bus, doch als wir am Flughafen ankommen, steigen so viele Leute ein, dass er vollbesetzt weiterfährt und an der Haltestelle recht viele zurücklassen muß.

Der Bus verlässt recht zügig Alta und dann fahren wir ein Tal hinauf. Die Berghänge sind mit Birken noch recht dicht bewaldet, dazwischen sind in großen Abständen Häuser zu sehen. Je höher wir kommen, desto lichter wird der Wald. Es regnet, wenn auch nicht stark. Es sieht recht ungemütlich aus und die Wolkendecke ist so dicht, dass es sich nach spätem Nachmittag und nicht nach 12 Uhr anfühlt. 

In Skaidi, einer Tankstellen-Campingplatz-Restaurant-Hotel-Bushaltestellen-Kombination, steigen viele der Mitfahrer aus. Dann geht es auch schon weiter. Immer wieder sehen wir schwer bepackte Radfahrer, die sich den Berg hinaufquälen, komplett in Regenzeugs gehüllt.

15 Minuten nach Skaidi sehen wir die Stelle, an der wir in ca. 5 Tagen vorbeiwandern werden. Noch mal 15 Minuten später sind wir in Olderfjord, wo am Campingplatz die Busse aus den verschiedenen Richtungen eine längere Pause einlegen, so dass die Passagiere zur Toilette gehen, kurz was Essen oder in den nächsten Bus umsteigen können.

Die Landschaft sieht bei diesem Wetter besonders trostlos aus. Bäume gibt es kurze Zeit nach Olderfjord kaum noch. Nur noch Fels und Gras, so weit das Auge reicht. Die Straße schlängelt sich die Küstenlinie entlang und erreicht dann schließlich den Nordkaptunnel. Diesen schauen wir uns besonders interessiert an, denn morgen müssen wir hier hindurchwandern.

Der Tunnel ist gut beleuchtet und hat eine Art erhöhten Weg auf beiden Seiten. Eine Durchquerung zu Fuß sollte gefahrlos möglich sein. Wir sehen sogar zwei Radfahrer, die ihre Räder auf diesem Streifen neben sich herschieben.

Nach diesem Tunnel folgen noch 2 weitere, dann sind wir in Honningsvåg, dem größten Ort hier auf Magerøya, der Insel, auf der das Nordkap liegt. Schon von Weitem haben wir die MSC Preziosa gesehen, einem gigantischen Kreuzfahrtschiff, das 3500 Passagiere aufnehmen kann. Das Schiff liegt hier am Kai während die 3500 Passagiere überall entlangschlendern.

Wir machen uns schon Sorgen, ob wir überhaupt ein Taxi zum Nordkap bekommen, denn es gibt nur einen Bus um 11, der dort hin fährt. Doch wir hätten uns keine Sorgen machen müssen, für schlappe 200Euro werden wir dort schneller hingefahren, als uns lieb ist. Unser Fahrer reizt die Beschleunigungsmöglichkeiten seines E-Taxis gekonnt aus und überholt an allen möglichen und unmöglichen Stellen alle anderen Fahrzeuge.

Als wir am Nordkap heil und gesund das Taxi verlassen, ist es windig, regnerisch, nebelig, ungemütlich und rappelvoll. Wir wollen erst mal schnell in die Nordkaphallen, doch um in das Restaurant, den Souvenirshop oder die warme Halle zu kommen, muss man 36Euro Eintritt zahlen. So gehen wir nur schnell links um das Gebäude herum zum ikonischen Globus, der hier die „nördlichste Spitze Europas“ markiert. Nach den obligatorischen Fotos, gehen wir in den beheizten Bereich vor der Eintrittskontrolle, ziehen Regenhose, Handschuhe und Mütze an und machen uns auf, zu unserer ersten Etappe.

Diese folgt der Straße, die wir gerade mit dem Taxi entlanggefahren sind, bis zu einem Campingplatz, wo wir eine Hütte gemietet haben. 12 Kilometer Asphalt. Nicht schön, aber wir kommen schnell voran, müssen nur immer genau hinhorchen, ob von hinten ein Bus kommt, um ihm bei dieser doch recht engen Straße etwas Platz zu machen. Trotz der mittlerweile recht fortgeschrittenen Zeit kommen uns zahlreiche volle Busse entgegen. Auch Wohnmobile sehen wir viele und Radfahrer, einige scheinen eine Art Rennen zu machen, denn sie haben ein Schild bedruckt mit „North Cape 4000“ an ihrem Rad befestigt.

Ansonsten ist die Wanderung heute ereignis- und aussichtslos, denn alles, was weiter als 100 Meter entfernt ist, liegt für uns im Nebel. Zeitweise regnet es sogar nicht, doch letztendlich kommen wir nach den vorausberechneten 2,5 Stunden mit nassen Regenklamotten am Campingplatz an.

Unsere Hütte ist recht einfach, kein Wasser, keine Küche nur Betten, ein Tisch mit 4 wackeligen Stühlen und ein Kühlschrank UND eine Heizung. Die drehen wir bis zum Anschlag auf, gehen duschen und genießen danach erst mal eine heiße Tasse Kaffee, gefolgt von unserem gefriergetrockneten Abendessen.

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