Utopie

Normalerweise sind wir Frühaufsteher. Halb Sechs ist zu Hause die Nacht vorbei. Selbst im Urlaub stehen wir nicht viel später auf. Doch, noch im Bett liegend, hören wir den Regen gegen die Fenster platschen und Frühstück gibt es ohnehin erst ab acht Uhr. Also bleiben wir bis halb acht im Bett.

Wird sehr wahrscheinlich Alschesur ausgesprochen.
Unser Hotel in Aljezur

Als wir an dem kleinen Café vorbeikommen wird es gerade geöffnet. Wir schlendern also noch etwas die Straße hinauf und wieder hinab und setzen uns dann draußen auf der überdachten Terrasse an einen der kleinen, quadratischen Tischchen. Unser Frühstück fällt recht überschaubar aus: Eine Tasse Kaffee, ein Glas Orangensaft und ein kleines Brot, belegt mit Schinken und Käse.

Anschließend geht es zurück ins Hotel, wir packen die restlichen Sachen in die Rucksäcke und ziehen zur siebten Etappe los.

Auch heute ist kein gutes Wetter vorhergesagt. Wenn wir Glück haben, schaffen wir die 17km vor dem Regen, der ab 13 Uhr hier herunterkommen soll. Zunächst geht es ein sehr enges Gässchen steil den Berg hinauf, und dann einen schlammigen Pfad ein paar Meter hinunter. In der Mitte des Pfades fließt der Regen der Nacht in kleinen, braunen Rinnsalen hinunter.

Unser Weg ist am Anfang nicht blau-grün sondern rot-weiß markiert und führt uns schnurstracks auf eine feudale, rotgestrichene und verlassene Ferienanlage zu. Zunächst glaube ich, dass wir den falschen Weg eingeschlagen haben, doch die rot-weißen Markierungen sind auch hier zu finden und führen uns zwischen den Ferienhäusern wieder den Hügel hinauf.

Fast oben, bemerken wir etwas unterhalb von uns die beiden Eifelerinnen. Wir rufen uns ein paar Sätze zu, dann geht es auch schon weiter. Zunächst geht es durch einen Kiefernwald über einen Schotterweg, dann über eine kleine Asphaltstraße mit einem Blick bis zum Meer. Nach einer Stunde durchqueren wir ein Dorf, was ausschließlich aus Ferienbungalows besteht. Vor einigen stehen Autos, die meisten scheinen verlassen. Es wird sogar noch eifrig gebaut. Die Neubauten sind alle kubisch, mit großen Fenstern und einfarbiger, weißer Fassade.

An einem kleinen Parkplatz mit einem netten Lokal oberhalb des Sandstrandes legen wir eine kleine Pause ein. Die Sonne hat sich bisher kaum gezeigt, dafür hat es ein paar Mal angefangen, zu nieseln. Als wir gerade wieder aufbrechen wollen, kommt die Flensburgerin an und wir erfahren, dass sie im gleichen Hotel wie wir ein Zimmer reserviert hat: Utopia. Wir freuen uns schon auf dieses Hotel, denn die Fotos auf bookingdotcom sehen vielversprechend aus.

Wie die letzten Tage auch brechen rechts von uns große Wellen schäumend zusammen, während wir oberhalb über die steil aufragenden Klippen wandern. Der Himmel bleibt weiterhin grau, ab und zu nieselt es für wenige Minuten. Immer genau dann, wenn ich denke, ich müsste nun doch mal meine Jacke anziehen, hört es schon wieder auf.

Kurz vor Monte Clérigo beobachten wir, wie zwei Surfer bäuchlings auf ihren Brettern liegend den Wellen entgegenpaddeln. Hier scheint ein bekannter Spot für Surfer zu sein, denn am Sandstrand unterhalb der Klippen sehen wir mehrere Bretter liegen, und entlang der Straße stehen viele Autos mit Brettern auf dem Dach und in Neopren gekleidete junge Männer. Die Straße, die wir zum Ort hinuntergehen überquert einen kleinen Fluß, der aber durch den Regen so angeschwollen ist, dass er die Straße auch ein wenig überflutet. Direkt dahinter geht es schon wieder hinauf auf die Klippen, denen wir fast bis Arifana, unserem Tagesziel, folgen.

Die letzte Wanderstunde geht es wieder weg von der Küste über einen flachen und gut zu wandernden Sandweg durch einen lockeren Kiefernwald. Nur den letzten Kilometer  quälen wir uns über eine 1000fach geflickte Asphaltstraße mit etlichen tiefen Schlaglöchern vorbei an unzähligen weißen, flachen, modernen, gerade nicht bewohnten Bungalows.

Ein Utopie beschreiben laut google-Recherche erstrebenswerte Zustände. Unser heutiges Hotel heißt Utopia und das ist in keinem erstrebenswerten Zustand. Die Rasenfläche um das Hotel herum sieht sehr ungepflegt aus, stellenweise wie von Wildschweinen durchwühlt. Unter dem hervorstehenden Dach stehen mehrere sehr verschlissene Polstermöbel. Auch das ganze Gebäude wirkt vernachlässigt, sowohl draußen als auch drinnen. Die Rezeption ist geschlossen, als wir um 12:30 ankommen. Wir müssen bis zum Checkin bis 14:00 Uhr warten, was wir aber fast erwartet haben, denn die Zimmer müssen ja gereinigt werden. Dementsprechend wuseln hier überall Putzfrauen mit ihren Besen herum.

Wir machen es uns im Foyer gemütlich, essen Erdnüsse, Haribo und Schokokekse. Zwei weitere, deutsche Wanderpärchen kommen an, und auch pünktlich um 14 Uhr die Rezeptionistin. Unser Zimmer ist groß, sauber und OK, und die Dusche herrlich heiß. Nach der Wartezeit mit verschwitzten Klamotten im zugigen Foyer tut dies so richtig gut und ich dusche für meine Verhältnisse richtig lange.

Um 16 Uhr halten wir unseren Hunger nicht länger aus uns machen uns im strömenden Regen auf die Suche nach einem Restaurant. Wir finden eine nette, geöffnete  Pizzeria, wo wir nach dem Essen bei einem Aperol-Spritz noch eine Partie Kniffel spielen.

Zurück im Hotel setze ich mich mit einem kleinen Sagres ins Frühstückszimmer, um den aktuellen Blog-Eintrag zu schreiben, als die Flensburgerin, ebenfalls mit einem Sagres ausgestattet, vorbeikommt und wir uns richtig nett zwei Stunden unterhalten. Sie heißt übrigens Britta, arbeitet seit fast 10 Jahren nicht mehr, sondern lässt ihre Solaranlage für sich arbeiten und das Geld verdienen. Ihr Mann ist Bauer, früher hatten sie Rinder, doch seit einigen Jahren haben sie auf Maisanbau umgesattelt, da dies weniger und leichtere Arbeit bei mehr Verdienst bedeutet.

Als ich dann irgendwann in unser Zimmer gehe, schläft Petra fast.

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