Nach einem erstaunlich guten Frühstück wandern wir wieder Richtung Küste. Britta ist schon vor uns losgegangen, kommt uns aber in Begleitung eines Mannes mit wehendem, weißen Bart wieder den Berg hoch entgegen. Die beiden erzählen von einer gefährlichen, tiefen Furt, die einige zwar durchquert haben, sie sich das aber nicht zutrauen. Sie wollen deswegen wieder einige Kilometer zurück und dann über die Landstraße weitergehen, bis sie wieder zum Fischweg abbiegen können.

Wir lassen uns davon nicht irritieren und gehen weiter bergab, wollen uns die Situation mit eigenen Augen ansehen. Als wir den Strand erreichen, führt der Weg durch ein Gebüsch schnurstracks auf einen schlammig braunen, träge daherfließenden Bach. Ein junger Deutscher wechselt gerade von Trailrunningschuhe auf Sandalen und watet dann ins Wasser, was ihm aber selbst an der tiefsten Stelle gerade mal bis zum Knie reicht.

Da wir keine Furtschuhe dabeihaben und nicht erkennen können, was sich unter der Wasseroberfläche so befindet, gehen wir einfach mit unseren Bergstiefeln durch und kommen problemlos am anderen Ufer an. Wenige Meter weiter sehen wir einige große Felsen. Die steuern wir direkt an, setzen uns, ziehen Stiefel und Socken aus. Letztere werden ausgewrungen und angezogen. Die Stiefel selbst sind erstaunlich trocken geblieben und so fühlen sich Weiterwandern fast normal an. Da sind wir aus Norwegen Schlimmeres gewohnt, wo wir tagelang mit nassen, kalten Socken wandern mussten.

Nun geht es direkt wieder zu den Klippen hinauf und weg von der Küste. Der Weg führt uns nun in einem Halbkreis auf 10km Länge durch einen Eukalyptuswald wieder zurück zum Meer. Auf dieser Strecke werden wir von dem jungen Deutschen wieder eingeholt und wir unterhalten uns. Der Fischerweg ist seine erste, mehrtägige Wanderung. Das gefällt ihm so gut, dass er in der zweiten Jahreshälfte erneut eine längere Wanderung durchführen möchte. Er sammelt nun Ideen für mögliche Ziele. Wir legen ihm natürlich direkt Norwegen ans Herz, erzählen ihm von den Hütten, der Einsamkeit, der Landschaft, dem freien Zelten.

So fachsimpelnd vergehen die Kilometer wie im Fluge und wir erreichen unversehens ein nettes Café, wo Petra und ich einkehren, um Mittagspause zu machen. Nach und nach trudeln altbekannte Weggefährten hier ein, so zum Beispiel auch das Berliner Pärchen, das wir auf der ersten Etappe kennengelernt haben. Dieses Mal unterhalten wir uns etwas länger und entspannter. Auch die zwei Franzosen (?) sitzen hier, der eine hat einen ziemlich eingesauten Rucksack und auch seine Hose und sein Shirt zeugen von einem Sturz auf schlammigen Untergrund.

Nachdem O-Saft, Schokokuchen und Käse-Schinken-Toast vertilgt sind, wandern wir weiter. Irgendwann erreichen wir den Strand, der Weg führt uns direkt darüber auf die andere Seite der Bucht. Wir ziehen die Stiefel aus und gehen bahrfuß durch die auslaufenden Wellen. Der Atlantik ist erfrischend kühl und wenn die Wellen unerwartet etwas höher sind, spüren wir den starken Sog der zurückströmenden Wassermassen.

Draußen im Meer erkennen wir zahlreiche Surfer, die auf ihren Brettern sitzen und auf DIE Welle warten. Und das tuen sie mit großer Ausdauer. Keine Welle scheint gut genug, denn eine Welle abgleiten kann man nur selten einen sehen. Irgendwie ist das ein langweiliger Sport.

Aber so haben wir was zu Schauen und bald sind wir schon unterhalb der großen Holztreppe, die zum Strand hinunterführt. Doch davor fließt zu unserer Überraschung ein ziemlich breiter und ziemlich tiefer Bach zum Meer hinunter. Und das mit einer recht guten Strömung. Und da gerade Flut ist, drückt das Meer den Bach immer weiter ins Landesinnere.

Hier kommen wir nicht durch, weshalb wir dem Bach den Strand hinauf folgen. Uns kommt eine junge Frau entgegen, die ebenfalls verzweifelt versucht, hinüberzukommen, denn ihr Freund ist dort auf dem Parkplatz und wartet auf sie. Als wir ihr erzählen, wie tief das Wasser an der Treppe ist, kommt sie mit uns mit.

Von Weitem sehen wir eine Wanderin, die schon fast den Bach durchquert hat, aber die letzten 2m schafft sie nicht und kehrt wieder um. Als wir näher kommen, erkennen wir, dass es sich um die Schweizerin von gestern handelt. Nun suchen wir schon zu Viert eine Furt. Weiter oberhalb im Bachlauf erkennen wir eine Stelle, wo Gras auf seiner gesamten Breite wächst. Zuversichtlich gehen wir dort hin und tatsächlich steht hier sogar ein improvisiertes Schild mit der Aufschrift „best river crossing“. Also versuchen wir es hier. Ich gehe voran und nach den ersten, problemlosen Schritten werde ich nachlässig und trete in ein hüfttiefes Loch. Der Rest der Strecke war dann aber kein Problem und so erreichen wir vier das andere Ufer.

Nur einen Kilometer weiter kommen wir an unserer Herberge an. Von außen sieht sie recht vielversprechend aus, doch drinnen, im Gastraum herrscht Chaos und ein leicht unangenehmer Geruch. Der Besitzer hatte wohl einen Schlaganfall, denn er bewegt sich sehr träge und braucht eine gefühlte Viertelstunde, um die Ausweisdaten in ein Formular zu übertragen.
Da unser Zimmer noch nicht fertig ist, gehen wir zum nächsten Restaurant, und genießen den Sonnenschein bei Sangria, Brot und Oliven.
Dann gehen wir zurück zur Herberge, hinauf auf unser recht einfaches und leicht müffelndes Zimmer und duschen recht ausgiebig. Nach kurzer Erholungspause laufen wir in den Ort, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Anschließend setzen wir uns auf eine Bank am Dorfplatz und beobachten, was hier so passiert. Wir sehen einige alte Männer, die genauso aussehen, wie sie in den Lost-in-Fuseta-Romanen beschrieben werden: Gebückt, behäbig gehend, lange Hose, dicker Pullover, Schiebermütze, Gehstock.
Die Sonne ist schon recht tief, es wird schattig und kühl. Wir gehen zurück zu dem Restaurant von vorhin, setzen uns dieses Mal aber nicht auf die Terrasse, sondern in die Gaststube. Als unser gegrillter Fisch gerade serviert wird, kommen die beiden Eifelerinnen hinein. Sie sehen ziemlich erschöpft aus, denn sie haben die zweite Furt nicht geschafft und mussten einen riesigen Umweg laufen. Sie bestellen sich ebenfalls eine Caneca (einen halben Liter Bier) und wir stoßen auf unsere gemeinsame Wanderung an, denn für sie endet sie nun hier und heute. Gleich geht es mit dem Taxi zurück nach Aljezur und morgen wieder mit dem Flieger in die Heimat.
Am Nebentisch sitzen Katrin und Bernhard aus Freiburg, die vier hatten sich schon vorher irgendwo getroffen, für uns sind dies zwei neue Gesichter. So kommen wir miteinander ins Gespräch, unterhalten uns lange und irgendwann fangen wir noch eine Kniffelpartie an, die Petra gegen halb 11 natürlich gewinnt – wenn auch knapp.
Da die beiden in der gleichen Herberge untergekommen sind, wie wir, gehen wir gemeinsam noch die wenigen Meter zurück und verabschieden uns bis zum Frühstück.




