7000 Meter unter dem Meer

Als ich das erste mal aufwache ist es gegen 5 und draußen sieht alles heller und freundlicher aus als gestern.  Ich drehe mich noch mal in meinem gemütlichen, warmen Bett um, und schlafe wieder ein. Um 7 ist das Wetter aber eher wie gehabt, windig, kalt und nieselig. Kurz taucht der Gedanke auf, einfach einen Tag länger hier zu bleiben, doch das wollen wir auch nicht.

Gegen 9 brechen wir in voller Regenmontur auf, um zunächst 10 trostlose Aspahltkilometer hinter uns zu bringen. Selbst zu so recht früher Stunde sind Wohnmobile, Busse und auch wieder zahlreiche Radfahrer unterwegs zum Nordkap. Auf uns wartet aber heute ein spannenderes Ziel: der Nordkaptunnel.

Als Abkürzung von mehr als 22 Kilometern dorthin, verlassen wir nach 10 Kilometern die Straße und wandern einen relativ gut ausgewiesen Weg 4 Kilometer durch sumpfiges, nasses Fjell. Kaum haben wir den Weg betreten, legen wir eine erste Pause ein, bei der uns unsere Plane Schutz vor Wind und Regen bietet.

Wir sehen ein paar Rentiere, denen dieses Wetter überhaupt nichts auszumachen scheint. Bis auf eine etwas steilere Passage ist der Weg gut zu finden und gehen. Nach 1,5 Stunden erreichen wir wieder die Küstenstraße, der wir nun die letzten 5 Kilometer bis zum Tunneleingang folgen.

Kurz vor dem Tunnel liegt ein Rastplatz mit einem WC-Häuschen, das ein paar überdachte Sitzgelegenheiten anbietet. Hier legen wir eine längere Rast ein, kochen Wasser für unsere Instantnudelgerichte, ruhen uns aus und sammeln Kraft und Mut für die 7 Kilometer Dunkelheit, Lärm und Autoabgase.

Kurz vor dem Tunneleingang steht ein Schild, das ein Gefälle von 10% anzeigt. Der Tunnel geht mit dieser Neigung bis auf 212 Meter unter den Meeresspiegel. Und mit einer ähnlichen Steigung wieder auf der anderen Seite ans Festland. Eine Röhre bietet Platz für zwei Fahrbahnen und zwei erhöhte Randstreifen, die die Straße von den naturbelassenen Wänden trennen. Die Wände sind weiß gespritzt, die Decke hingegen schwarz.

Als wir in den Tunnel treten kommt uns eine laute Schallwand entgegen, erzeugt von den Fahrzeugen, die in unsere Richtung fahren und die wir noch nicht sehen können, da sie so weit entfernt sind. Der Randstreifen, der vielen Radfahrern dazu dient, ihr schwer bepacktes Rad bergauf schieben zu können, ohne den Autoverkehr zu stören, besteht aus zwei Bereichen. Der eine ist noch asphaltiert, während die Hälfte an der Tunnelwand aus weichem Material besteht. Hier sehen wir auch Fußabdrücke von Wanderern, die vor uns unterwegs waren.

Anfangs bemerken wir noch den Gestank nach Autoabgasen, nehmen ihn später aber kaum noch wahr. Schlimmer ist der Lärm. Wir können die Richtung der Lärmquelle kaum ausmachen, wissen also nicht, ob ein Fahrzeug von vorne oder hinten kommt. Auch die Entfernung lässt sich kaum abschätzen. Wenn wir überholt werden und kein Fahrzeug von vorne kommt, so nehmen die meisten Fahrer Rücksicht und halten einen großzügigen Abstand. Oft aber brettern sie auch recht knapp an uns vorbei.

Alle ca. 500 Meter hängt ein Feuerlöscher nebst Nottelefon. Fast jeden Kilometer treffen wir auf eine Notbucht. Ab und zu auch auf Kavernen, in denen technische Einrichtungen für die Belüftung der Röhre sorgen. Ebenfalls hängt alle 1000 Meter ein beleuchtetes Schild, das die Entfernung zu beiden Enden anzeigt.

Ungefähr 10 Radfahrer kommen uns bei diesem Marsch entgegen. Wir grüßen und feuern uns gegenseitig an.

Die ersten 3,5 Kilometer bergab gehen recht schnell vorbei, doch dann beginnt der ebenso lange 10 prozentige Anstieg. Da wir nur schnell wieder hinauswollen, versuchen wir das hohe Tempo beizubehalten und ich komme ordentlich in Schwitzen. 

Dann endlich, nach 1,5 Stunden sehen wir vor uns Tageslicht und kurze Zeit später stehen wir auf dem Festland. Und sind nach den 26 Tageskilometern ganz schön kaputt. Direkt am Tunnelende gehen wir wenige Meter in ein kleines Tal hinauf und bauen unser Zelt neben dem Bach auf. Nach einem Kaffee und ein paar Riegeln Schokolade geht es uns fast wieder gut. Dann kochen wir unser Abendessen, lesen ein paar Seiten in unseren Bücher und schlafen mit dem Wunsch ein, dass morgen das Wetter besser wird.

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